• Letzte Änderung:    23 August 2021

Wer ist online?

Seit Mai 2012:309990
Angemeldet 0
Gäste 4

Dolly Hüther

Was Sie immer schon über Dolly Hüther wissen wollten.

 

 

 

 

 

Vaterfalle

Beitrag aus dem Magazin: "Der Gesundheitsberater" im Oktober 2020, emu Verlag Lahnstein

 

Der Vater ist der erste Mann im Leben einer Frau. Das kann Glanz oder Elend bedeuten. In der Forschung unterscheiden wir drei »Vaterfallen«: die Leistungs-Tochter, die Trotz-Tochter, die Gefalls-Tochter. Die
Leistungs-Tochter sucht die Liebe des Vaters durch Strampeln zu gewinnen. Die Trotz-Tochter leistet dem autoritären Vater Widerstand auf Biegen und Brechen. Die Gefalls-Tochter buhlt durch gefälliges Verhalten um seine Zuneigung. Wie verhängnisvoll sich die väterlichen Dressate später auf die Ehe und das Selbstbewusstsein auswirken können, stellte ich in meinem Buch »Töchter und Väter - so nah und doch so fern« (über emu) dar.


Dieser Tage erlebte ich einen drastischen Einblick in dieses Tochterdrama. Dolly Hüther, 88 Jahre alt, Autorin von sechs Büchern, eine kämpferische saarländische Sozialdemokratin und schöpferischer Unruhegeist bis heute, besuchte das Bruker-Haus. Sie ermächtigte mich, über ihre Abrichtung zur Gefalls-Tochter zu berichten.

In einem Brief an ihren toten Vater schrieb sie ihm: »Jetzt weiß ich, die Lieblingstöchter werden viel subtiler, also fast unmerklich auf das kleine Mädchen getrimmt ... Deine Worte: »Du willst doch keinen Streit?« haben mich stets zu Höchstleistungen in der Konfliktbewältigung auflaufen lassen. Es entwickelte sich die heute noch vorhandene Clownin, die durch Späße alle immer wieder zum Lachen brachte und auch noch bringt ... Ich frage Dich: Ist das einer erwachsenen Frau würdig?« 

 

Mit dreißig Jahren begegnete Dolly ein Traum, der die Wende in ihrem bisher angepassten Leben bedeutete: »Ich laufe an einem schönen, klaren, nicht sehr tiefen Wasser entlang und schaue immer wieder hinein. Ich sehe, wie der Boden des Bächleins mit Kieselsteinen und Sand belegt ist. Weiter erblicke ich, dass an den Ufern keine Pflanzen wachsen. Es ist alles glasklar. Plötzlich bleibe ich stehen und entdecke, da hat ja ein Kind eine Puppe ins Wasser fallen lassen. Die Puppe ist aus Plastik und hat nichts an. Soll ich sie herausziehen? Es wäre keine Anstrengung für mich. Also greife ich zu. In dieser Sekunde verwandelt sich die Puppe in eine Kinderleiche. Eiskalt fühlt sich das kleine Wesen an. Angewidert werfe ich es zurück ins Wasser und renne weg. Das scheint der Zeitpunkt des Erwachens gewesen
zu sein.«

 

Dolly bearbeitete den Todestraum mit Hilfe ihrer 'Iherapeutin. Sie erkannte: »Das Kind in mir war tot. Dadurch konnte sich eine erwachsene Frau entwickeln. Es war nicht immer leicht, liebgewordene Verhaltensmuster abzulegen. Fazit: Kindisch sein ade - es lebe die Frau -, die sich aber viele ihrer kindlichen, wohlgemerkt nicht kindischen Eigenschaften bewahrt hat.« Ihr sind viele Muster eingefallen, nach denen sie als brave Lieblingstochter gehandelt hatte: »Erinnerst Du Dich, was Du zu uns Töchtern, meiner Schwester und mir, gesagt hast, als es darum ging, ob wir Mädchen (wie der Bruder - M.].) auch studieren wollten?

Du hast uns geraten: »Mädchen brauchen nicht zu studieren, die heiraten ja sowieso. «« Nun sagte Dolly zu ihrem Vater: »Du, der Du mich zu dieser Tochter-Frau verbogen hast, wirst ab jetzt keine Macht mehr über mich haben. Ich lege diesen Brief in Dein Grab.«
Dolly zitiert die Erkenntnis der Hamburger Individualpsychologin Sigrid Steinbrecher aus deren Werk »Die Vaterfalle«: »Lieblingstöchter bleiben die Opfer ihrer Ideen. Sie bleiben, was sie immer waren: die kleinen betrogenen Mädchen; die in ihrem Herzen weinen und nach außen lachen, die schwach sind und doch stark scheinen.« Dolly Hüther weint nicht mehr. Sie ist stark geworden: Seit 12 Jahren lernt sie im Seniorenstudium an der Universität Saarbrücken Soziologie, Sozialpsychologie und vergleichende Literaturwissenschaft. Sie ist eine gebildete Frau geworden und eine unerschütterlich
streitbare Demokratin. 


Der Artikel ist erschienen im Oktober 2020 im Magazin "Der Gesundheitsberater" im emu Verlag Lahnstein. 
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des emu Verlags übernommen und auf dieser Webseite dargestellt.
Den vollständigen Artikel erhalten Sie HIER als PDF Datei.