• Letzte Änderung:    25 Mai 2017

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Dolly Hüther

Was Sie immer schon über Dolly Hüther wissen wollten.

 

 

 

 

 

Unsere Vorbilder

Vorbilder! Unsere!

Mit diesem Wort verbinde ich - Idole.

Jetzt frage ich mich: Habe ich ein Vorbild, ein Idol?

NEIN! Tönt es klar aus mir heraus.

Begründung:

Ich komme aus einer Zeit, in der wir die Vorbilder von oben - vom Staat - verordnet bekamen. Aus den verordneten Vorbildern sollten Idole werden. Wir mußten uns diese Leute wirklich zum Vor - Bild nehmen. Daher ist bei mir das Wort Idol, also Vorbild, negativ besetzt. Ich habe Schwierigkeiten mit diesem Begriff. Da fällt mir niemand ein.

 

Mein Beitrag für dieses Buch könnte darin bestehen, mir einmal zu überlegen, ob mir das Wort von heute an auch Positives bedeuten kann. Das scheint ein Prozeß zu werden.

In meine Überlegungen drängt sich ein anderes Wort: WEGBEGLEITERINNEN!

Ja! Ja – WegbegleiterInnnen. Die gibt es, sogar viele. Aber eine oder einen hervorzuheben, würde für mich heißen, die anderen nicht genug zu würdigen. Denn alle haben mir irgendetwas gegeben, etwas hinterlassen, und wenn es nur Anregungen oder kleine Spuren gewesen sind. Sonst würden mir nicht ihre Namen wie in einem Fluß aus dem Kopf strömen. Geordnet nach Begriffen, die mir zu ihnen spontan einfallen, gibt es die:

  •  politischen
  •  musikalischen
  •  poetischen
  •  philosophischen
  •  rebellischen
  •  feministischen.

Viele BegleiterInnen durfte ich persönlich kennenlernen. Und dann gibt es noch diejenigen, die ich leider nur aus der Ferne bewundern kann. Sei es, weil sie schon tot sind, sei es, daß sie einer Kultur angehören, deren Sprache ich nicht verstehe oder daß sie ganz einfach, schon so bekannt sind, um mir noch zu begegnen. Aber von allen habe ich etwas gelesen oder gesungen. Alle haben mich inspiriert.

 

Die politischen:

Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Lilli Braun, Johanna Kirchner, Elisabeth Selbert, Christa Randzio-Plath, Karin Hempel-Soost, Marianne Weg, Otti Stein, Waltraud Schiffels, Renate Schmidt, Anke Martiny, Luc Jochimsen, Christina Perincioli, Heide Munzeck, Heide Wieczorek-Zeul, Uta Enders, Elke Ferner, Susanne von Pacsensky, Renate Sadrozinski, Uta König, Hortense Hörburger, Sonja Pape-Siebert.

Die musikalischen:

Wolfgang Amadeus Mozart, Elvis Presley, die Beatles, Reinhard May, Adamo, Ina Deter, Gisela May, Inge Latz, Bettina Wegner, Nina Hagen, Andre Heller, Hannes Wader, Monika Kampmann.

Die poetischen:

Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Mascha Kaléko, Bertold Brecht, Kurt Tucholsky, Virginia Woolf, Irmgard Morgner, Christa Wolf, Maxie Wanda, Benoite Groult, Gioconda Belli, Anne Rose Katz, Christine Brückner, Brigitte Sattelberger, Christiane Breininger, Barbara F. Heckmann, Andrea Simon-Klos, Inge Spang, Irene Vassil, Uschi Zenner.

Die philosophischen:

Allen voran Mary Daly, Hannah Arendt, Aspasia von Milet, Marit Rullmann, Germaine de Staäl, Bettina von Arnim, Karoline von Günterode, Rahel Levin Varnhagen (von Ense).

Die rebellischen:

Olymp de Gouche, Judith Jannberg, Elisabeth Dessai, Gert Brantenberg, Ute Ehrhardt, Peggy Parnass, Svende Merian, Verena Stefan, Renate Höfer, Anja Meulenbelt, Anja Lundholm, Maria Gräfin Maltzan, Jutta Dittfurth, Marlies Krämer, Johan Galtung, Marie Marcks, Lisa Fitz, Gisela Jürgens.

Die feministischen:

Allen voran meine Dozentin Gerlinda Smaus, Luise F. Pusch, Senta Troemel-Ploetz, Erika Wisselinck, Christina Thürmer-Rohr, Barbara Rohr, Christa Mulack, Claudia Pinl, Sandra Harding, Marianne Grabrucker, Siegrid Steinbrecher, Heide Göttner-Abendroth, Luisa Francia, Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer, Gena Corea, Renate Duelli Klein, Cheryl Benard, Edith Schlaffer, Betty Friedan, Theresia Maria de Jong, Deborah Tannen, Marielouise Janssen-Jurreit.

 

Die Personen und die Denkweisen, die dahinterstecken, haben mich in bestimmten Lebenszeiten geprägt. Faszinierend ist, daß sich jetzt doch einige Namen herauskristallisieren. Sie leuchten an meinem Horizont.

Die Privat - Dozentin Dr. Gerlinda Smaus, hat mich während der sieben Jahre, in denen ich studiere, bis jetzt immer wieder angeregt und unterstützt, mein Seniorinnenstudium fortzusetzen. Dranbleiben und Aufgaben übernehmen! lautet ihr guter Rat, den ich befolge, obwohl ich keine Arbeiten schreiben müßte. Wie sie ihr Leben gemeistert hat, als Tschechin in Deutschland, als Alleinerziehende studiert, promoviert und sich habilitiert zu haben, ist großartig. Ihr Denken und auch Handeln haben mich stark beeinflußt. Sie ist sehr wertvoll für mich. Deshalb stelle ich sie nicht vor meinem geistigen Auge auf einen Sockel. Sie hat als Soziologin, kritische Kriminologin und Abolizionistin feministisch geforscht und publiziert und sich selbst über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Die bis jetzt letzte Arbeit: „Kulturelle Androgynität am Beispiel der eingeschlechtlichen Institution des Gefängnisses“, half mir mein feministisches Denken zu erweitern in Bezug auf das „geschlechtsspezifische Rollenverhalten. Was als Typisch „männlich“ und „weiblich“ angesehen wird, wird nicht ausschließlich entweder von Frauen oder Männern gespielt, vielmehr lernen alle Menschen mehr oder weniger das gesamte Rollenrepertoire und spielen es kontextabhängig auch aus“, ist nur eine ihrer Thesen. Im Rahmen des europäischen Erasmusprogrammes ist sie eine gefragte Expertin.

Dann sind da Senta Troemel-Ploetz und Luise F. Pusch sowie Mary Daly und Erika Wisselinck. Jeweils im Doppelpack. Senta und Luise strahlen mit ihrer vielseitigen Intelligenz. Ein weiterer Grund meiner Bewunderung gilt der Art und Weise, wie sie ihr Leben gestaltet haben. Es gibt kaum Ähnlichkeiten zwischen ihnen und mir. Trotzdem sind wir uns heute freundschaftlich verbunden. Sprachkritik zu üben ist durch sie zu einem meiner großen Hobbys geworden. Mein ganzes Bewußtsein hat sich durch diese beiden Frauen verändert. Sie haben viel bewirkt. Es macht Spaß, ihre Theorien, Thesen, Kritiken anzunehmen und weiterzugeben. Jede Begegnung mit ihnen ist für mich etwas ganz besonderes und läßt mich hoch motiviert zurück. In einigen Lebensabschnitten könnten sie mir Vorbild gewesen sein, in anderen nicht. Ich beneide beide um das, was sie bildungsmäßig geleistet haben. Abi gemacht, studiert, als Stipendiatinnen promoviert, sich habilitiert. Luise forschte fünf Jahre als Heisenberg Absolventin. Beide wandten sich der feministischen Linguistik zu und bekamen dafür keine feste Professur mehr. Aber durch ihre Publikationen sind sie vielen LeserInnen bekannt. Ihre Kritik an der männlichen Sprache ist inzwischen weit über 500 000mal gekauft worden. Die beiden zuletzt erschienen Bücher zeigen einmal mehr, wie wichtig diese feministischen Frauen in unserer patriarchalen Gesellschaft sind und bleiben.

„Die Frau ist nicht der Rede wert“, im Patriarchat, so hat es die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch auf den Nenner gebracht. Heute machen ihre Arbeiten sie auf der ganzen Welt zu einer der gefragtesten Fachfrauen hinsichtlich der „Queer Studies. Sprache und Homophobieals Forschungsgegenstand von Sprachmustern“, denen eine Feindseligkeit gegenüber Schwulen und Lesben zugrunde liegt, aber aus der Sicht der Forscherin als Probleme gelten. Luise F. Pusch wird hauptsächlich in Amerika zu Kongressen eingeladen, da in Deutschland die Diskussion über dieses Thema noch in den Kinderschuhen steckt.

Die Sprachwissenschaftlerin Senta Toemel-Ploetzhat mit drei Büchern ihre Kontinuität der Erforschung von Frauengesprächen als „Sprache der Verständigung“ vorgelegt. Mit vielen bekannten, ja berühmten Kolleginnen aus den USA, aus England und Neuseeland gelang es ihr zuletzt, uns die Augen zu öffnen für eine dringend notwendige Neubewertung unserer eigenen Sprache. Es geht ihr um die Sichtbarmachung der sprachlichen Kompetenz von Frauen. Ein mir wichtiges Ergebnis lautet: „Die Analysen lassen erkennen, daß die Sprecherinnen mit den unterschiedlichsten Mitteln unterschiedliche Kategorien herstellen wie: Das Herstellen von Gleichheit, Kooperation, konversationelle Großzügigkeit und konversationelle Zufriedenheit. Dies zu erkennen und wertgeschätzt zu wissen, vermittelt mir ein hohes Maß an Selbstbewußtsein.“

Die Philosophin Mary Daly und ihre Übersetzerin Erika Wisselinck, haben mich auf einem langen Weg begleitet. „Frauen denken anders…“, bewies Erika Wisselinck. Sie öffnete mir die Augen und schärfte mir den Blick für ein frauenzentrietes Denken, das androzentrische Strukturen noch heutzutage ausschalten. Weitere Bücher von E. Wisselinck halfen in anderen Situationen. Als Übersetzerin der Werke von Mary Daly hat sie mein Wissen um vieles bereichert. Sie hat es mir überhaupt erst möglich gemacht, Mary Daly zu lesen, ihre Bücher zu genießen. Als E. Wisselinck bei einer Sommerakademie erfuhr, daß Frauen im Saarland mit das oder es bezeichnet werden, schrieb sie mir eine Widmung ins Buch: „Für das Dolly, das eine tolle SIE ist. In Erinnerung an das Seminar ‚Raus mit der Sprache‘, Frauenstudien München.“

Durch Mary Dalys Werk: „Gyn/Ökologie“, mußte ich mich noch durchquälen. Dagegen lese ich ihr jetziges Hauptwerk, die nicht alltägliche Biographie: „AUSWÄRTS REISEN DIE STRAHLENKRÄFTIGE FAHRT“ mit Wonne. Als ich Mary Daly während einer Sommerakademie erleben durfte, wußte ich sofort, das ist eine Schwester, eine die viel Kraft vermittelt. Sie sagte zu mir: „Dolly, go!“Oh, ja, ich gehe weiter! Und hoffentlich noch lange. Seite an Seite mit meinen Wegbegleiterinnen, von denen mir manchmal eine auch Vorbild ist.

 

Veröffentlicht: „Unsere Vorbilder“

Von Else Lasker-Schüler bis Durs Grünbein

Anthologie: Lyrik, Prosa, Bilder

Herausgeberin: Waltraud Weiß

Original Ausgabe – 1. Auflage – Köln: wort und mensch – Verlag 2000