• Letzte Änderung:    25 Mai 2017

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Dolly Hüther

Was Sie immer schon über Dolly Hüther wissen wollten.

 

 

 

 

 

Der Computertomograph

„Haben Sie schon einmal in einer Röhre gesteckt?“ fragte mich eine wartende Person im Vorraum der Röntgenabteilung im Völklinger Herz- und Thoraxklinikum. Ich saß hier, ebenfalls wartend, denn mir war von meinem Orthopäden eine CT verordnet worden. Wahrheitsgemäß bejahte ich die Frage und gab gern die Auskunft, daß es sich schon um die dritte CT in meinem 72-jährigen Leben handele. Wie ich hörte, hatte  diese Frau die Prozedur bereits hinter sich, sie wartete nur noch auf die Röntgenbilder, die sie zu ihrem Hausarzt tragen sollte. Ich spürte, sie wollte ein Erlebnis loswerden. Ihr Bedürfnis schien groß, denn sie begann sofort, mir eine Geschichte zu erzählen.

 

„Wissen Sie, ich hatte Angst vor der CT. Es ist bei mir die erste. Ihnen ist sicher klar, daß ich nicht wissen konnte, was auf mich zukommen würde. Aber ich habe sie überwunden – die Angst. Wollen Sie wissen wie?“

„Ja, schon; aber wieso Angst?“ hakte ich nach und bekundete vollmundig: „Ich war nie ängstlich. Heute bin ich das erst recht nicht, da ich genau weiß, was auf mich zukommt. Inzwischen ist mir bekannt, daß das hiesige Gerät auf dem neuesten Stand der Technik arbeitet. Klopfen tun die CT alle. Aber die Behandlung ist in jedem Falle schmerzfrei.“

„Ach, hier bekommen sie ja Ohropax, damit ist das Klopfen zu ertragen. Aber wie ich die zwanzig Minuten mit meiner Angst gut und gern umgegangen bin, ist schon toll. Ich habe einfach die Augen geschlossen und schöne Bilder phantasiert, solche, die das Klopfen in meinen Traum einbezogen haben.“

„Das hört sich spannend an. Erzählen Sie, mit welchen Bildern konnten Sie das Geklopfe ignorieren?“

„Als die Stimme der Assistentin aus dem kleinen Lautsprecher ertönte, stellte ich mir vor, in einem großen Wald mit lauter hohen Bäumen zu sein. Ein bunter Vogel ... ich bin überzeugt, ich habe einen Specht gesehen, der am Baumstamm klopfte.“

Mein etwas skeptisches Gesicht wischte sie mit der Erklärung und der anschließenden Frage weg:

„Sie können mir ruhig glauben, ich habe den Vogel ganz deutlich gesehen. Sie glauben mir doch?“

„Ja, ja, ich kenne so etwas, das ist wie bei einer Autosuggestion.“

„Die kenne ich jetzt nicht, aber jedes Mal, wenn die Stimme der Assistentin die nächste Ruhepause ankündigte, habe ich mir schnell ein neues Bild ausgemalt.

Einmal war es die Zubereitung eines exklusiven Menüs. Ich roch die Zwiebeln, die Petersilie, die ich hackte, und all die feinen Zutaten.

Ein andermal waren es Boote an einem ganz bezaubernden Strand, die im Wind in den Wellen schaukelten und aneinander klopften. Da das so ein schönes Bild war, habe ich es gleich zwei Mal für mich benützt.

Das letzte Geräusch habe ich in die Berge versetzt, dort hackten Baumfäller Holz, und ich roch sogar den Duft frisch geschlagener Tannen.“

Leider konnte die Frau nicht weiter erzählen, denn sie erhielt ihre Aufnahmen und verabschiedete sich. Sie kam noch einmal kurz zurück, erinnerte mich eindringlich an die Bilder, die ich mir in der beengenden Röhre unbedingt zaubern sollte.

Ich las noch ein wenig in einer der Yellow-Press-Zeitschriften. Alle, die auf dem kleinen Tisch lagen, gehörten dieser Kategorie an. Komisch, daß die ÄrztInnen immer diese Mistzeitungen für die Wartenden bereithalten. Werden wir als Patientinnen so eingeschätzt, als könnte uns nichts Anspruchvolles entspannen? Es gelang mir nicht mehr, mich zu konzentrieren. Mir gingen die Bilder, die ich erzeugen sollte, durch den Kopf, sie vermischten sich mit denen, die ich in den Gazetten überflog. Bis ich schließlich in Kabine vier gebeten wurde.

 

„Alles, was aus Metall ist oder enthält, wie Brille, Schmuck, BH, lange Hose usw. müssen Sie ausziehen. Die Bluse können Sie anbehalten“, belehrte mich eine junge Frau in weißem Kittel. Sie sprach mit einer durchdringenden Stimme, als sei ich taub. Sie glaubte  vielleicht wirklich, Personen in meinem Alter seien alle schwerhörig.

„Legen Sie sich auf den Rücken, den Kopf in die vorgesehene Einbuchtung, und mit dem Tuch decken Sie sich bitte zu, der Raum ist sehr kühl. Das Bällchen hier halten Sie in der Hand, es ist die Klingel. Falls es Ihnen schlecht wird, bitte einmal klingeln, ich komme sofort. Die Augen können Sie geöffnet oder auch geschlossen halten.“ Sie zeigte mir gelbe Stöpsel und erklärte wichtig: „Das sind Ohropax, die müssen Sie in Ihre Ohren stopfen, dann ist das Klopfen erträglich.“

„Danke, ich kenne die Dinger, ich schlafe schon seit fünfunddreißig Jahren mit denen.“

Sie verschwand in einem Nebenraum, und gleich darauf hörte ich die ominöse Stimme aus einem kleinen Lautsprecher über mir, wie es die mitwartende Frau berichtet hatte. Ich schloß die Augen und erinnerte mich, mir Bilder suggerieren zu sollen.

„Wir gehen folgendermaßen vor“, erläuterte jetzt die viel weicher klingende Stimme.

„Es gibt immer ungefähr zwei bis drei Minuten Aufnahmen, die von einem Klopfen begleitet werden, danach folgen minutenlange Pausen, in denen Sie sich erholen können.“

Bilder erzeugen! Ich gab mir den Befehl: schnell, schöne Bilder – kommt – bitte!

Beim ersten Durchgang klappte nichts, da ich viel zu angespannt war. In der Pause mußte die Selbstsuggestion funktioniert haben, denn – als ich zu mir kam und einen Moment lang nachdachte, stellte ich fest, daß Bilder zurückkehrten. Von dem ganzen weiteren Geklopfe war bei mir nichts angekommen. Wie in Trance begab ich mich in die Umkleidekabine und genauso zog ich mich auch an. Anschließend wartete ich auf die Aufnahmen für meinen Orthopäden.

Was waren denn das für Bilder, die langsam aus meinem Unterbewußtsein hochkamen? So, wie mir vorher von der Erzählerin geschildert worden war, hatten sich bei mir keine schönen Bilder eingestellt, nicht ein einziges, dafür Horrorsituationen. Erst als ich still im Auto saß, vergegenwärtigte ich sie mir. Plötzlich erfaßte auch mich die Angst. Wenn diese horriblen Bilder während des Fahrens in mein Bewußtsein dringen würden, wäre eventuell ein Unfall vorprogrammiert.

Oh je, da hatte sich doch tatsächlich die Geschichte, die ich vorher in der Bunten mit den Augen überflogen hatte, in meine Phantasien eingegraben:

Der Autounfall einer jungen Frau mit zwei kleinen Kindern. Das Auto war nur noch ein Wrack, lag einer Ziehharmonika gleich an der Leitplanke. Auf dem Boden waren drei weiße Tücher ausgelegt, unter denen ich die Toten erahnen konnte. Plötzlich sah ich durch die Tücher hindurch - ein grauenhafter Anblick, das waren keine Gesichter mehr. Abgerissene Gliedmaßen, Blutlachen in einer unvorstellbaren Größe, das Gesicht der Frau durch die Verletzungen zu einem furchteinflößenden Grinsen entstellt. Nur die Feuerwehr klopfte in der Nähe. Der Anblick war gespenstisch, das Ganze in düsteres Licht getaucht.

 

Zwanghaft stieg ich aus meinem Auto, um ein paar Schritte zu laufen, immer noch diese schrecklichen Bilder vor Augen. Ich befahl: Ich will euch nicht! Weg! Ich will sie auch nicht im Nachhinein weiter beschreiben.

 

Plötzlich blieb ich stehen. Ich schaute vor mir auf einen Zaun, durch den ein hellgelb blühender Forsythienstrauch gewachsen war. Meine Blicke schweiften weiter nach unten. Dort lugten durch das Gras Krokusse hervor in den unterschiedlichsten Farben. –

Wie von Zauberhand verschwanden die Zerrbilder. Die reale Welt nahm mich sanft wieder auf mit diesen wunderschönen Frühlingsvorboten.

Jetzt konnte ich getrost meinen Heimweg antreten.

 

Dolly Hüther

27. März 2004