• Letzte Änderung:    25 Mai 2017

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Dolly Hüther

Was Sie immer schon über Dolly Hüther wissen wollten.

 

 

 

 

 

Die Malergeschichte aus Meisenheim/Glan

Mündlich überliefert 1936 und 2011

Meine Großmutter war in Erzähllaune. Wir schrieben ungefähr das Jahr 1936, als ich wieder einmal bei ihr zu Besuch war. Ich löcherte sie immer, wenn ich die Ferien bei ihr verbrachte (und auch später noch, in der Zeit der Evakuierung), mir doch bitte alte und neue Meisenheimer Geschichten zu erzählen. An besagtem Tage kehrte ich gerade aus dem Nachbarhaus vom Spielen zurück, als Großmutter mich mit verschmitzt humorvollem Blick anschaute. Sogleich war ich gespannt, ganz Ohr.

 Sie begann:

Du spielst ja oft bei den Schillinger-Kindern nebenan. Ihr Großvater war, wie viele Männer mit diesem Namen, ein Malermeister. Hier in Meisenheimer Mundart heißen sie Düncher – aber auch Dinjer. Das kommt von der Tätigkeit des Tünchens. Ich muss es dir erklären, denn du kennst wohl nur, dass die Wände in den Wohnungen tapeziert werden, also mit Tapeten aus Papier beklebt, die manchmal gar mit Stoffen verziert sind. Wir haben ein altes Haus, und der heutige Herr Schillinger, den du kennst, der tüncht unsere Räume immer noch. Wir sind der alten Tradition treu geblieben. Das hat mehrere Gründe, es ist erstens billiger, und zweitens können die Wände atmen, dadurch ist nicht nur unsere Zimmerluft viel gesünder.“

Ich fragte nach:

Ja, liebe Großmutter“, so wünschte sie angeredet zu werden, „aber das ist doch nicht die Geschichte.“

„Nein, mein liebes Kind, die folgt jetzt. Nun, eines Tages kam der Herr Pastor der katholischen Kirche zu dem alten Jakob Schillinger und fragte ihn: ‚Lieber Herr Schillinger, die Kirche müsste einen neuen Anstrich bekommen. In welcher Farbe könnten wir sie wohl neu streichen?’ Der Maler erbat sich Bedenkzeit: ‚Lasse se ma e bissie Zeit, do muss isch üwerleje, wie mia die Kersch nei dinje.’ (Lassen Sie mir ein bisschen Zeit, da muss ich überlegen, wie wir die Kirche neu tünchen.)

Damals, mein Kind, haben sich die Leute für solch ein Vorhaben noch Zeit genommen. Und nach ein paar Tagen meldete sich der Herr Pastor wieder beim Herrn Schillinger und fragte: ‚Sind Sie sich darüber klar geworden, wie wir unsere Kirche in neuem Licht erstrahlen lassen könnten?’

Jetzt überlegte der Tüncher Jakob Schillinger nicht länger und erwiderte dem Herrn Pastor: ‚Ei, isch dänge, die Kersch, die mache ma so e bissie schisserrisch gehl, gedippelt un e Bärdsche druff.’ (Ei, ich denke, die Kirche machen wir so ein bisschen geschissen gelb, getüpfelt und eine kleine Bordüre drauf).“

Mit dieser Erzählung ging ich lange schwanger, obgleich ich inzwischen viele Kurzgeschichten, Glossen und Gedichte geschrieben habe. Im Nachhinein weiß ich, woher mein Talent als Erzählerin stammt, denn Großmutter verfasste damals auch Märchen für eine Firma, die Schlaraffia-Matratzen herstellte. Doch für die von ihr überlieferte Anekdote fehlte mir eine Rahmengeschichte, ein Kontext. Wer kennt denn die Malerfamilie Schillinger vom Meisenheimer Rapportierplatz? Und wen interessiert es, wie zu Urgroßvaters Zeiten die Kirchen gemalt oder getüncht worden sind?

So dachte ich. Bis zur vergangenen Woche. Da war ich wieder einmal in dem Geburtsort meiner Mutter und der Heimat meiner Großeltern, diesmal in Begleitung meiner Schwester. Zufällig begegneten wir dort einem Passanten, in dem wir Herrn Beck wiedererkannten. Er sprach uns prompt an, und zwar in der noch vertrauten und schönsten Meisenheimer Mundart: „Ei, ihr Mäd, sin ihr nit di zwä Boosemäd?“ (Ei, ihr Mädchen, seid ihr nicht die zwei Boosemädchen?)

Boos, so hießen unsere Großeltern, die eine Sattler- und Polstererei in der Schillerstraße besaßen, infolgedessen waren meine Schwester und ich keine Unbekannten für die Leute. Zudem waren wir nach dem Krieg 1946 in der Meisenheimer Schlosskirche konfirmiert worden. Aber schnell stellte sich heraus, dass nicht wir die Personen waren, die der Passant im Kopfe hatte, sondern unsere Mutter Berta, geborene Boos, und ihre Schwester Anni Schadler, geb.Boos. Die längst tot sind. Klar, wir bilden schon die dritte Generation. Der freundliche Mann lud uns zu einer Tasse Kaffee ins nahegelegene Altstadt-Café ein. Bei dieser Gelegenheit konnte ich endlich beglückt mit der Tünchergeschichte aufwarten. Ich hatte das Forum, das ich mir wünschte, und erzählte mit entsprechendem Pathos. Das Ganze sorgte nicht nur für ein Lachen, in das ich gleich einfiel, oh, nein, unser Meisenheimer Bekannter begann sogleich, diese Geschichte zu ergänzen und zu vervollständigen.

„Nä, nä, nä, ihr Mäd, das war in Mäsenum zu dere Zeit ganz anaschdär. Jeder Dinjer hat sei eischeni Fab und Fabkombintion gehatt. Do gabs noch denne Nesselberjer, denne Philipp, der hat die Heiser, wenna zum Beispiel gefroht worre is, ei, wie mache ma die Schlofstupp, danne hat der gesaht, ei so e bissie greilisch – bleilisch, weil das denne ihr Fab war. Ja, un danne gabs noch die Weißdinjer, das ware die, die wo die Ställ vun de Kieh gemolt han. Bei Leit, wie bei eich denne Boose, sinn danne noch uff die weiße Wänn, mit änerer Gummiroll, Muschder druffgerollt wor. Es hat awer ach noch Tapezierer geb.“

(Nein, nein, nein, ihr Mädchen, das war in Meisenheim zu dieser Zeit ganz anders. Jeder Tüncher hat seine eigene Farbe und Farbkombination gehabt. Da gab es noch den Nesselberger, den Philipp, der hat die Häuser, wenn er zum Beispiel gefragt worden ist, ei, wie machen wir die Schlafstube, dann hat der gesagt: Ei, so ein bisschen grau-blau, weil das seine Farbe war. Ja, und dann gab es noch die Weißtüncher, das waren die, die wo die Ställe von den Kühen gemalt haben. Bei Leuten wie euch, den Booses, sind dann noch auf die weißen Wände mit einer Gummirolle Muster drauf gerollt worden. Es hat aber auch noch Tapezierer gegeben.)

Begeistert hörte ich zu. Die Erzählung meiner Großmutter über den Tüncher Schillinger nahm plötzlich neue Farben an; in der Ergänzung mit Herrn Becks Erzählung erhellten sich die Lebens- und Arbeitszusammenhänge einer Zunft der damaligen Zeit – und es war ein Vergnügen, davon zu hören.

Daheim angekommen, bat Schwester Sieglinde: „Komm doch am Wochenende zu mir nach Perl. Diese Geschichten müssen wir meinem Freund Hans-Werner erzählen. Sein Vater war ebenfalls ein Malermeister, obendrein noch ein Kunstmaler in Meisenheim. Wohnung und Werkstatt lagen in der Untergasse, zwischen dem Untertor und dem Frisör Lang. Mit seinem phänomenalen Gedächtnis wird er vielleicht noch einiges aus Meisenheim zu ergänzen wissen.“

Genau das passierte, als ich die beiden aufsuchte. 

„Weißt du, Dolly, mein Vater hat in den vornehmen Häusern die weißgetünchten Wände folgendermaßen aufgewertet: Er besaß eine ganze Reihe von Schablonen, die besonders in Wohnzimmern Verwendung fanden. Ausgewählte Schablonen wurden an den Wänden befestigt und dann bunt ausgemalt. Stell dir das einmal vor! Nach getaner Arbeit schaute es aus, als hingen da die tollsten Gemälde.“

Ob sich die Malermeister-Story nun exakt so oder anders abgespielt hat, ist mir als Erzählerin nicht wichtig. Diese mündlichen Überlieferungen haben ihren eigenen Charme, und mich erfreut solch guter Stoff allemal.

Jetzt will ein Bürger, der in Meisenheim als Nachtwächter auftritt und immer auf der Suche nach neuen Geschichten ist, diese hier erzählen.

Doch ich möchte sie dem Archivar von Meisenheim überlassen. Wenn die Geschichte nicht mehr nur von Mund zu Mund überleben, sondern einen Stand-Ort bekommen soll, dann wird eben das Archiv das „vergangene“ Leben den späteren Generationen überliefern.


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